Herzfrequenz: Ruhepuls + Maximalpuls

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Pferde sind keine Menschen 🙂
Es ist naheliegend, dass wir eigene Erfahrungswerte mehr oder weniger ungeprüft auch beim Pferd „unterstellen“.
Beim Themenkomplex „Herzfrequenz“ und vor allem beim „Ruhepuls“ zeigt sich einmal mehr, das Pferde zwar auch Säugetiere sind, aber eben doch keine Menschen. Scheinbar gilt es beim Pferd einige Besonderheiten zu beachten:

Ruhepuls beim Menschen

Eine Trainingsregel beim MENSCH:
Bei richtig dosiertem (Ausdauer-)Training wird der Ruhepuls bei fortlaufendem Training niedriger. Im Laufe der Zeit kann sich der Ruhepuls um ca. 5 bis 15 Schläge pro Minute reduzieren. Der Ruhepuls beim Menschen liegt ca zwischen 60 und 80 Schlägen pro Minute. Gut trainierte Ausdauersportler können einen Ruhepuls von ca 40 haben.
Beim Mensch wird der Ruhepuls möglichst direkt nach dem Aufwachen im entspannten Liegen gemessen.

Ruhepuls beim Pferd

Beim Pferd scheint der Ruhepuls genetisch festgelegt.
Der Ruhepuls beim Pferd scheint nicht durch Training beeinflussbar zu sein!

Zitate / Fundstellen

  • Im Gegensatz zum Menschen stellt sich beim Pferd jedoch keine Trainingsbradykardie ein, so dass der Ruhepuls keinen Rückschluss auf die Leistungsfähigkeit zulässt.
    [siehe Quelle: 1]
    Erläuterung: Unter Trainingsbradykardie wird beim Menschen die Abnahme der Herzfrequenz infolge von Ausdauertraining verstanden.
  • Eine Beeinflussung der Ruheherzfrequenz durch Training ist fraglich und wird im Allgemeinen verneint, obwohl in verschiedenen Trainingsstudien am Ende der Versuche niedrigere Ruheherzfrequenzen gemessen wurden. […] Im Allgemeinen wurde das Absinken der Ruheherzfrequenzen gegen Studienende allerdings nicht auf das Training, sondern auf die Gewöhnung der Pferde an Umgebung und Ablauf der Untersuchungen zurückgeführt.
    Eine mögliche Erklärung für die für den Menschen nachgewiesene, für das Pferd aber fehlende Beeinflussbarkeit der Ruheherzfrequenz durch Training wird darin gesehen, dass Pferde von Natur aus so starke Vagotoniker sind, dass ein weiteres Absinken der Ruheherzfrequenz kaum möglich ist.
    [siehe Quelle: 2]
    Erläuterung: „Vagotonie“ bedeutet die Verschiebung des vegetativen Gleichgewichts vor allem in Ruhe zugunsten des Parasympathikus, dessen Hauptnerv der Vagus ist. Der Parasympathikus ist im unwillkürlichen (autonomen) vegetativen Nervensystem der Gegenspieler des Sympathikus, welcher in Belastungs- und Stresssituationen das Herz mittels Adrenalin „antreibt“ („Stressnerv“). Der Vagus hingegen ist sozusagen der „Erholungsnerv“, der in Ruhe- und Erholungsphasen dominiert […] [Quelle: 3]

In vielen Publikationen zum Training beim Pferd findet sich der Hinweis, dass sich ein Trainingserfolg auch beim Pferd an einem verringertem Ruhepuls zeigen würde.
Dies sollte zumindest hinterfragt werden.

Wie bestimmen wir den Ruhepuls beim Pferd?
Theoretisch sollte auch beim Pferd nach der Tiefschlafphase der Puls am niedrigsten sein. Bisher habe ich diesbezügliche aber noch keine Studien gefunden.

Als normaler Pferdebesitzer werden wir wahrscheinlich den „wirklichen“ Ruhepuls bei unseren Pferden auch nie bestimmen können.
Verfolgt man im Training wie schnell sich beim Pferd der „Puls“ mal eben erhöht, werden wir wohl immer „nur“ einen „Erregungspuls bei unseren Pferden messen. Allein schon das Anfassen, aufhalftern bzw. das Messen mit einem Stetoskop wird schon eine Erwartungshaltung im Pferd erzeugen, die sich im Puls wiederspiegeln „kann“.
Eigentlich müßte man Versuche starten, bei denen Pferde eine Art „Langzeit EKG Gerät“ 24 Stunden tragen, um den Pulsverlauf während eines ganzen Tages zu überwachen. Leider scheint es diesbezüglich noch keine Untersuchungen zu geben. Spannend wäre es!

In der Praxis wird es wohl häufiger vorkommen, dass man sich eine möglichst ruhige Zeit, in der sich das Pferd ungestört in gewohnter Umgebung aufhält, als Zeitpunkt zum Pulsmessen aussucht. Möchte man bei seinem Pferd Werte vergleichen, lohnt es sich regelmäßig zur identischen Tageszeit bei ähnlichen Umgebungstemperaturen und ähnlichen äußeren Umständen den Puls seines Pferdes zu messen und zu notieren.

Ich persönlich habe mittlerweile aus den letzten 8 Jahren neben den Trainingspulsen auch Pulswerte notiert, die ich bei der abendlichen Fütterung aufzeichne. Allein die „Vorfreude“ aufs Futter und die Begeisterung beim Fressen werden bei meiner Fellnase den Puls bereits anheben. Die Pulswerte sind bei meinem Schimmel ähnlich hoch wie in fremder Umgebung bei der Voruntersuchung durch den Tierarzt bei einem Distanzritt. Diese Werte sehe ich nicht als „Ruhepuls“ sondern als Vergleichswerte. Trotzdem finde ich es persönlich spannend – auch in der Nachbetrachtung – diese Werte neben den Trainingswerten als weitere Information zur Gesundheitsbeurteilung und zur Fitnessbeurteilung zusätzlich zur Verfügung zu haben.

Herzfrequenz beim Pferd

Ruhepuls Pferd: < 40
Maximal Puls beim Pferd: ca. 240 bis 270

Diese Spannbreite zwischen Ruhe- und Maximal-Puls beim Pferd ist für uns Menschen nahezu unvorstellbar!

Im Vergleich wird erst richtig deutlich, welch außerordentlicher Unterschied zwischen Ruhepuls und Puls bei maximaler Belastung zwischen Mensch, Hund und Pferd besteht:
Steigerungsfaktor Hund: ca  2,5
Steigerungsfaktor Mensch: ca. 3,2
Steigerungsfaktor Pferd: ca. 8,3

Das Pferd ist quasi per genetischer Disposition ein Leistungstier!

Festzuhalten ist: Die Herzfrequenz ist ein Indikator akuter Belastung des Pferdes. Und so ist es schon sehr spannend, im Training die Herzfrequenzen seines Pferdes zu messen und die gesammelten Werte miteinander zu vergleichen.

Maximalpuls beim Pferd

Auch hier sind die Quellen nicht alle ganz einig. Irgendwo zwischen 230 und 270 scheint der von Pferden zu erreichende Maximalpuls zu liegen.
Wichtig dabei ist: die maximal zu erreichende Herzfrequenz nimmt bei jedem Pferd im Alter ab!

Beim normalen Freizeitpferd wird wahrscheinlich in einer heftigen Schrecksekunde mal ein Wert um 200 möglich sein. Aber in der Regel liegen die Belastungs-Pulswerte (bei „normalen“ Pferden also der großen Mehrheit unserer Reitpferde, die nicht zur kleinen Gruppe der absoluten Leistungspferde angehören) wohl maximal bei 170/180 Schlägen in der Minute. An die echten Maximalwerte sollte man sich auch auf Rücksicht der Knochen, Sehnen und Bänder seines Pferdes auch nicht wirklich herantasten.

[Quelle: 1]
Dissertation von Kirstin Kroner – München 2006
Blut- und Speichelparameter beim Kaltblutpferd in Ruhe und bei Zugarbeit

[Quelle: 2]
Dissertation von Antonia Maria Uhde – Gießen 2009
Trainingsauswirkungen auf Parameter der Herzfrequenz bei Vielseitigkeitspferden im Leistungssport

[Quelle: 3]
Link: Das Sportherz (Mensch) * von Dr. Kurt Moosburger