PSSM Pferde auf die Weide?

PSSM Pferde auf die Weide?

Folgende Anfrage:
Mein Pferd hat PSSM => Typ1.
Ich überlege zur Zeit mein Pferd in einen Hit Aktivstall zu stellen:
mit 24 Std. Weidezugang.
Welche Gefahr besteht für mein Pferd bzgl. Verarbeitung von Fruktanen?

Überlegungen zur Frage:
Vertragen PSSM-Pferde 24 Stunden Weide?

Eigentlich hasse ich die Antwort „Das kommt darauf an“ …

Aber scheinbar gibt es tatsächlich keine allgemeingültige Antwort. …. Zumindest die Pferde, die ich mittlerweile erlebt habe, zeigen (fast) keine übereinstimmenden Symptome: PSSM ist nur ein Oberbegriff – und sagt noch nicht viel über ein einzelnes Pferd und seine individuellen Verträglichkeiten aus.

Trotzdem versuchen wir uns mal dem Thema zu nähern:

PSSM-Pferde lagern besonders viel Glucogen in ihrer Muskulatur. Eigentlich ein Zustand, der erst mit Training erzielt wird:

Training verändert die Muskulatur beim Pferd:
[Zitat aus:
Leistungstraining für das Pferd
Biologie und Trainingsprinzipien
von Franz Ellendorff]

  • Anpassung der Muskeln und Muskelfasertypen an geplante Anforderungen
  • Verbesserung der Blutversorgung
  • Erhöhung des sauerstoffbindenden Proteins Myoglobin
  • erhöhter Glykogengehalt
  • Verbesserung des Energiestoffwechsels
  • Verbesserung der Säurepufferung im Muskel, verringerte Laktatansammlung
  • Verringerung struktureller Muskelschäden bei Belastung

Das PSSM Pferd ist, bezogen auf die Fähigkeit Glykogen in der Muskulatur zu speichern, quasi von Geburt an ein Pferd im Trainingszustand. Pferde mit der GenMutation PSSM speichern „zu viel“ Glykogen, so dass es bei Bewegung zu strukturellen Muskelschäden kommt.

Kernproblem bei allen PSSM Pferden:
Wie kann die Ernährung gesteuert werden, damit das einzelne Pferd aus der Nahrung nur so viel Glukogen gewinnen und speichern kann, wie es individuell verbraucht?

Ist-Zustand:
In welchem Futter- und Trainingszustand befindet sich das einzelne PSSM Pferd?
Gehört das Pferd eher zu den leichtfuttrigen Typen oder ist das Pferd spindeldürr: PSSM wird in der Regel mit dem Muskelfaser TYP II in Verbindung gebracht: PSSM Pferde sind eher die „Muskelpakete“:

Im fortgeschrittenem Stadium nach längerer PSSM Krankheitsgeschichte  – mit vielen schmerzhaften Phasen der Muskelverspannungen / Muskelmyopathien und Muskelschäden – kippt  dieses Bild irgendwann: Dann steht ein Pferd vor uns, dass eher abmagert und nur noch wenig Muskulatur hat.

Die Mehrheit der PSSM-Pferde, die ich kenne, sind sehr leichtfuttrig. 24 Stunden freier Zugang zur Weide wäre für diese Pferde gleichbedeutend mit viel zu viel Futter: bei normalem Reitpensium von 1-2 Stunden täglicher Bewegung hätten diese leichtfuttrigen Pferde immer noch genügend Reserven, um das Futter in Glukogen umzuwandeln und einzulagern. Die Gefahr, dass der Teufelskreis hin zu Verspannungen und Muskelschäden sich schließt wäre groß.

PSSM Pferde sind Hungerkünstler: PSSM könnte daher auch als sinnvolle Mutation zur Leistung verstanden werden: aus wenig Futter die höchstmögliche Energie-Reserve speichern.

Bis auf die erhöhte Glukogen-Speicherung im Muskel, gibt es scheinbar keine weiteren ursächlichen Symptome bei PSSM Pferden. Unser Management ist daher gefragt: wie halten wir PSSM Pferde knapp im Futter  – ohne das es zu Magen- und oder Darmproblemen kommt?

So kann es sein, dass ein leichtfuttriges PSSM Pferd mit 3mal täglich Heu bereits so reichlich versorgt ist, dass Trainingsbelastung unbedingt erforderlich wird, um die bereits aus dem Heu gewonnene Energie auch zu verbrauchen.

Und jetzt wird es richtig schwierig:
Heu ist nicht gleich Heu und Weide auch nicht gleich Weide!

Von welchem Weideaufwuchs ist die Rede? Sind es hauptsächlich Hochleistungsgräser? Oder ist es eher eine Auslaufsfläche mit wenig Nährwert? Was löst Fruktan im Pferd aus?

Für gehören Veröffentlichungen von Frau Dr. rer. nat. Renate U. Vanselow zu den wichtigsten Anregungen zum Thema „Pferdeweide“: siehe z.B. Magere Pferdeweide – Kontra Hufrehe und Fett?

Auch wenn es in der Überschrift nicht um PSSM Pferde geht: aber der Artikel zeigt deutlich, wann eine Weide pferdegerecht ist, und warum „normale Weiden“ unsere Pferd überfordern.

Nach vielen Jahren Erfahrung mit etlichen PSSM Pferden, wage ich mich mittlerweile zu folgender (persönlicher) These:

PSSM Pferde haben zunächst keine besondere Empfindlichkeit gegenüber Fruktan.
Fitte PSSM Pferde  scheinen Fruktan – ohne Symptome – gut zu kompensieren.
ABER …. PSSM Pferde neigen tatsächlich bei zu guter Fütterung und zu wenig Bewegung und Training zu EMS: sind einmal die typischen EMS Fettdepots aufgebaut bekommt der Organismus quasi noch ein zweites Stoffwechselproblem: im Fall eines eher dicken PSSM-Pferdes kann Fruktanhaltiges Gras zum letzten auslösenden Tröpfchen werden, um schmerzhafte Symptomatiken dramatisch hervorzuschleudern: und dann steht plötzlich das PSSM Pferd auch mit Hufrehe da!

Ein HIT Offenstall bietet ein hervorragendes Konzept für PSSM Pferde: die Bewegung und die langen Laufwege sind ideal für Pferde mit Muskelproblemen: und trotzdem bleibt immer eine Kehrseite: ist das einzelne Pferd herdentauglich: verträgt es sich in der großen HIT-Offenstall-Herde? Wie ist die Zusammensetzung der einzelnen Herde?
Manchmal kann ein späterer Neuzugang die ganze Herde aufmischen und Unruhe bringen: das PSSM Pferd muss (nicht nur  im Stadium akuter Symptomatiken) die Möglichkeit haben wirklich zu liegen und zu ruhen. Die Pferde merken, dass sie im Zweifel nicht immer so beweglich sind, wie sie eigentlich wollen: der Schmerz gehört bei diesen Pferden zumindest als Erfahrung mit ins Leben.

Bei der Suche nach einem Offenstall für ein „vorbelastetes“ Pferd gilt es sich auf Eventualitäten einzustellen. Bietet die Anlage + das Gelände, dass Herden getrennt werden können? Gibt es die Möglichkeit, dass eine Herde nur beschränkten Zugang zur Weide haben etc.

Es kann sogar passieren, dass das identische Pferd im vorherigen Stall die Weide vertragen hat und nach dem Umzug bereits mit 2 Stunden Weide überfordert wird und gesundheitliche Probleme zeigt. Die Bodenbeschaffenheit, das Klima, die Intensität der Weidenutzung (Größe der Herde / Besatzdichte) etc. spielen eine große Rolle. Eigentlich ist es im Vorfeld nicht wirklich zu sagen: was zu Symptomen führen könnte.

Diskussion
Welche Erfahrung haben Sie als Pferdebesitzer von Pferden mit PSSM gemacht?

  • Haben Ihre Pferde Symptome im Sommer, wenn die Pferde auf der Weide stehen?
  • Sind Ihre PSSM Pferde 24 Stunden auf der Weide?
  • Wie „fett“ ist Ihre Weide: welcher Aufwuchs steht drauf?