PSSM Pferde auf die Weide?
Geschrieben von admin am 11. April 2011
Folgende Anfrage:
Mein Pferd hat PSSM => Typ1.
Ich überlege zur Zeit mein Pferd in einen Hit Aktivstall zu stellen:
mit 24 Std. Weidezugang.
Welche Gefahr besteht für mein Pferd bzgl. Verarbeitung von Fruktanen?
Überlegungen zur Frage:
Vertragen PSSM-Pferde 24 Stunden Weide?
Eigentlich hasse ich die Antwort “Das kommt darauf an” …
Aber scheinbar gibt es tatsächlich keine allgemeingültige Antwort. …. Zumindest die Pferde, die ich mittlerweile erlebt habe, zeigen (fast) keine übereinstimmenden Symptome: PSSM ist nur ein Oberbegriff – und sagt noch nicht viel über ein einzelnes Pferd und seine individuellen Verträglichkeiten aus.
Trotzdem versuchen wir uns mal dem Thema zu nähern:
PSSM-Pferde lagern besonders viel Glucogen in ihrer Muskulatur. Eigentlich ein Zustand, der erst mit Training erzielt wird:
Training verändert die Muskulatur beim Pferd:
[Zitat aus:
Leistungstraining für das Pferd
Biologie und Trainingsprinzipien
von Franz Ellendorff]
- Anpassung der Muskeln und Muskelfasertypen an geplante Anforderungen
- Verbesserung der Blutversorgung
- Erhöhung des sauerstoffbindenden Proteins Myoglobin
- erhöhter Glykogengehalt
- Verbesserung des Energiestoffwechsels
- Verbesserung der Säurepufferung im Muskel, verringerte Laktatansammlung
- Verringerung struktureller Muskelschäden bei Belastung
Das PSSM Pferd ist quasi schon von Geburt an ein Pferd im Trainingszustand: bezogen auf die Fähigkeit Gluykogen in der Muskulatur zu speichern. Das Problem: diese Pferde speichern (zu viel), so dass es bei Bewegung zu strukturellen Muskelschäden kommt.
Kernproblem bei allen PSSM Pferden:
Wie kann die Ernährung gesteuert werden, dass das einzelne Pferd aus der Nahrung nur so viel Glukogen gewinnen und speichern kann, wie es individuell verbraucht?
Ist-Zustand:
In welchem Futter- und Trainingszustand befindet sich das einzelne PSSM Pferd?
Gehört das Pferd eher zu den leichtfuttrigen Typen oder ist das Pferd spindeldürr: PSSM wird in der Regel mit dem Muskelfaser TYP II in Verbindung gebracht: PSSM Pferde sind eher die “Muskelpakete”:
Im Fortgeschrittenem Stadium nach längerer PSSM Krankheitsgeschichte – mit vielen schmerzhaften Phasen der Muskelverspannungen / Muskelmyopathien und Muskelschäden kippt – dieses Bild irgendwann: Dann steht ein Pferd vor uns, dass eher abmagert und nur noch wenig Muskulatur hat.
Die Mehrheit der PSSM-Pferde, die ich kenne, sind sehr leichtfuttrig. 24 Stunden freier Zugang zur Weide wäre für diese Pferde gleichbedeutend mit viel zu viel Futter: bei normalem Reitpensium von 1-2 Stunden täglicher Bewegung hätten diese leichtfuttrigen Pferde immer noch genügend Reserven um das Futter in Glukogen umzuwandeln und einzulagern. Die Gefahr, dass der Teufelskreis hin zu Verspannungen und Muskelschäden sich schließt wäre groß.
PSSM Pferde sind Hungerkünstler: PSSM könnte daher auch als sinnvolle Mutation zur Leistung verstanden werden: aus wenig Futter die höchstmögliche Energie-Reserve speichern.
Bis auf die erhöhte Glukogen-Speicherung im Muskel, gibt es scheinbar keine weiteren ursächlichen Symptome bei PSSM Pferden. Unser Management ist daher gefragt: wie halten wir PSSM Pferde knapp im Futter – ohne das es zu Magen- und oder Darmproblemen kommt?
So kann es sein, dass ein leichtfuttriges PSSM Pferd mit 3mal täglich Heu bereits so reichlich versorgt ist, dass Trainingsbelastung unbedingt erforderlich ist, um die bereits aus dem Heu gewonnene Energie auch zu verbrauchen.
Und jetzt wird es richtig schwierig:
Heu ist nicht gleich Heu und Weide auch nicht gleich Weide!
Von welchem Weideaufwuchs ist die Rede? Sind es hauptsächlich Hochleistungsgräser? Oder ist es eher eine Auslaufsfläche mit wenig Nährwert? Was löst Fruktan im Pferd aus?
Für mich sind die wichtigsten Quellen zum Thema Pferde-Weide die Veröffentlichungen von Frau Dr. rer. nat. Renate U. Vanselow:
siehe z.B. Magere Pferdeweide – Kontra Hufrehe und Fett?
Auch wenn es in der Überschrift nicht um PSSM Pferde geht: aber der Artikel zeigt deutlich, wann eine Weide pferdegerecht ist, und dass in der Regel unsere normalen Weiden jedes normale Pferd überfordern.
Nach vielen Jahren Erfahrung mit etlichen PSSM Pferden, wage ich mich mittlerweile zu folgender (persönlicher) These:
PSSM Pferde haben zunächst keine besondere Empfindlichkeit gegenüber Fruktan.
Fitte PSSM Pferde scheinen Fruktan – ohne Symptome – gut zu kompensieren.
ABER …. PSSM Pferde neigen tatsächlich bei zu guter Fütterung und zu wenig Bewegung und Training zu EMS: sind einmal die typischen EMS Fettdepots aufgebaut bekommt der Organismus quasi noch ein zweites Stoffwechselproblem: im Fall eines eher dicken PSSM-Pferdes kann Fruktanhaltiges Gras zum letzten auslösenden Tröpfchen werden, um schmerzhafte Symptomatiken dramatisch hervorzuschleudern: und dann steht plötzlich das PSSM Pferd auch mit Hufrehe da!
Ein HIT Offenstall bietet ein hervorragendes Konzept für PSSM Pferde: die Bewegung und die langen Laufwege sind ideal für Pferde mit Muskelproblemen: und trotzdem bleibt immer eine Kehrseite: ist das einzelne Pferd herdentauglich: verträgt es sich in der großen HIT-Offenstall-Herde? Wie ist die Zusammensetzung der einzelnen Herde?
Manchmal kann ein späterer Neuzugang die ganze Herde aufmischen und Unruhe bringen: das PSSM Pferd muss (nicht nur im Stadium akuter Symptomatiken) die Möglichkeit haben wirklich zu liegen und zu ruhen. Die Pferde merken, dass sie im Zweifel nicht immer so beweglich sind, wie sie eigentlich wollen: der Schmerz gehört bei diesen Pferden zumindest als Erfahrung mit ins Leben.
Bei der Suche nach einem Offenstall für ein “vorbelastetes” Pferd gilt es sich auf Eventualitäten einzustellen. Bietet die Anlage + das Gelände, dass Herden getrennt werden können? Gibt es die Möglichkeit, dass eine Herde nur beschränkten Zugang zur Weide haben etc.
Es kann sogar passieren, dass das identische Pferd im vorherigen Stall die Weide vertragen hat und nach dem Umzug bereits mit 2 Stunden Weide überfordert ist und gesundheitliche Probleme zeigt. Die Bodenbeschaffenheit, das Klima, die Intensität der Weidenutzung (Größe der Herde / Besatzdichte) etc. spielen eine große Rolle. Eigentlich ist es im Vorfeld nicht wirklich zu sagen: was zu Symptomen führen könnte.
Diskussion
Welche Erfahrung haben Sie als Pferdebesitzer von Pferden mit PSSM gemacht?
- Haben Ihre Pferde Symptome im Sommer, wenn die Pferde auf der Weide stehen?
- Sind Ihre PSSM Pferde 24 Stunden auf der Weide?
- Wie “fett” ist Ihre Weide: welcher Aufwuchs steht drauf?
Für Shodan ist die Weide gestrichen:
Auslauf gibt es nur im großen Auslauf in der Herde!
Die Herde kommt täglich auf einen (ganzjährig genutzten Matsch-)Auslauf: Im Sommer wächst dort eher Unkraut und ein paar wenige Grashalme.
Durch die ganzjährige Nutzung ist der Bewuchs, der sich auf diesen Flächen durchkämpft hochgradig Fruktanhaltig. Mein Araber zeigt keinerlei Symptomatiken. Obwohl ich mit der 3 maligen Heufütterung ihn schon bereits arg dick gefüttert habe.
Seit 1 Jahr bekommt er wirklich nur Heu bzw. Heuersatz in Form von Heucobs. Keinerlei Mineralfutter: jetzt im Frühling zum Fellwechsel und erhöhter Trainingsbelastung habe ich täglich 1 Esslöffel Öl wieder hinzugefügt: Brennessel biete ich zur Zeit noch an.
Pulswerte und Fitness waren noch nie so gut: und langsam nimmt er einen Hauch ab … ich hoffe, dass er in dieser Saison mit längeren Ritten vielleicht wirklich etwas abnimmt.
Im letzten Herbst bei seinem ersten 60-km Ritt hatte ich noch Mineralfutter etc. gefüttert. Das war scheinbar immer noch zu viel des GUTEN.
Seit dem Winter 2010/2011 bekommt er wirklich nur noch Heu + Heucobs + ab und an mal das ein oder andere Kraut. (wie z.B. Brennessel)
So gut ging es Shodan noch nie: und so munter, ausdauernd und leistungsbereit und LOCKER im Rücken war er auch noch nie….
Ich bin gespannt………
Bei meiner Stute mit leichten PSSM Symptomatiken haben wir keine Probleme bei 24 Stunden Weide. Ganz im Gegenteil: die vermehrte Bewegung war wohl immer das entscheidende PLUS.
Symptome traten erstmalig immer im Winter auf: im Winter haben wir früher Kraftfutter gefüttert, im Sommer nie, da unsere Stute immer so leichtfuttrig war. Winter war auch gleichbedeutend mit weniger Bewegung: da kam dann beides zusammen!
Seitdem wir auch im Winter auf Kraftfutter verzichten: geht es unserer Stute gut.
ALSO: 24 Stunden Weide ist kein Problem: bei unserer Stute waren es lediglich die ZUSÄTZLICHEN Kohlenhydrate aus dem normalen Kraftfutter.
Im Winter gibt es jetzt Heucobs + eine Handvoll ReVital Cubes.
Inzwischen bekommen unsere Pferde zur Weidezeit 12h Weide / 12h Sandpaddock haben. Es ist halt so eine typische Kuhwiese, die ist eigentlich für alle Pferde zu Gehaltvoll ist. Nun ist mein Pferd (Araber-Haflinger-Mix) von der leichtfuttrigen Art und ich habe jetzt noch im Winterpaddock über einen Fresskorb angefangen ihre Heuzufuhr zu reduzieren. Das klappt sehr gut. Ich hoffe nun sehr, dass es auch auf der Weide auch mit der Fressbremse funktioniert. Denn wenn sie auf dem Winterpaddock bleiben müsste, wäre dort leider weniger Bewegung gegeben.
Ich überlege auch noch, ob ich die Weidezeit über das Öl weglasse.
Bei meinem PSSM Pferd ist immer im Herbst der Wechsel zum Winterpaddock bis Wintereinbruch die problematische Zeit. Den genauen Grund habe ich noch nicht heraus, vielleicht weniger Bewegung, weniger Licht, der Fellwechsel.
Mein PSSM Typ 1 Quarter Wallach ist erst 4 Jahre alt. Er lebt mit seiner Mutter und 2 weiteren Pferden im Offenstall mit 24 Std. Weidegang. Im Sommer wird allerdings täglich etwas dazu gesteckt, sonst werden alle 4 Pferde zu dick. Bis jetzt sind keinerlei Probleme aufgetreten. Er bekommt als “Zusatzfutter” nur 1 Hand voll PSSM 1 Futter (von Scharnebecker Mühle) und 1 Hand voll Mineralfutter und das auch nur, wenn er gearbeitet wird. Er wird ca. jeden 2. Tag geritten, bzw. Bodenarbeit/Freispringen ect. gemacht. Er gehört auch der Fraktion “leichtfuttrig” an.
Bin am überlegen, ob ich ihm mal eine Kur mit Mariendistelextrakt gönne. Das soll wahre Wunder bewirken, die Leber regenerieren und die Muskeln entsäuern.
Mariendistel ist quasi mit das einzige, womit nachgewiesener Weise die Leberregeneration unterstützt werden kann: Mariendistelsamen + Artischocken. Bei PSSM ist es immer ratsam die Leber zu stützen. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Mariendistel gemacht.
Hallo, meine 7 jährige PSSM Stute steht 12h auf einer kargen Weide in einer 3er Herde. Sie bewegen sich viel im Schritt,man hat aber das Gefühl sie geniesst abends die Ruhezeit in der Box. Ich füttere sie mit 2 Tassen Marstell Vito und einer Handvoll KräuterHustenZusatz und 25ml Öl. Abends gibt es Heu und Stroh. Bisher hatte sie bei mir noch keinen Kreuzverschlag aber einmal konnte man die beim Reiten in der Hinterhand Verspannungen merken. Ich habe sie seit nun 8 Wochen. (Sie soll vorher einmal einen Kreuzverschlag gehabt haben, woraufhin sie getestet wurde.) Sie ist sehr leichtfuttrig und zur Zeit zu dick, weil sie durch einen Radialisquetschung und Husten (den hat sie wohl seit einer Lungenentzündung konstant mal mehr mal weniger) nicht mehr als ein bischen Schritt geritten wurde. Wie denkt ihr soll ich das Reiten aufbauen? Ist es irgendwann möglich mit ihr Wanderritte zu machen ? Wer hat Erfahrung? Bin sehr interessiert an Austausch.
Es ist immer sehr unterschiedlich wie einzelne Pferde reagieren. Aber im Grunde genommen gilt es bei allen Pferden: langsam aufbauen – und zwar über Schritt! Auch die Lunge kann sich bei Bewegung viel besser regenerieren, die Muskulatur eh. Wann Du auf Wanderritte gehen kannst, muss Du natürlich vom Trainingszustand Deiner Stute abhängig machen. Stress ist ja ein Auslöser der Muskelsymptome: fremde Umgebung, fremde Pferde sind Stress.
Aber natürlich kann auch ein PSSM Pferd an Stress gewöhnt werden und auf Wanderritte gehen: Wanderritte sind wahrscheinlich sogar die ideale Beschäftigung für PSSM Pferde: langandauernde gleichmäßige eher langsame Bewegung!
Ich möchte mir ein 1 1/2 jähriges Paint horse kaufen und bin daraufgekommen das sie Pssm hat.
Sie zeigt keine Symtome.
Was soll ich tun kaufen oder nicht kaufen?
Eine pauschale Aussage wird es nicht geben können. Aus der Ferne kann man schon gar nichts sagen. Auf jeden Fall kommt bei einem PSSM Pferd ein erhöhter Management-Aufwand rund um Füttterung und Haltung auf den zukünftigen Pferdehalter zu. Es ist Mehraufwand. Jeder Pferdebesitzer muss diesen Mehraufwand leisten wollen: ob und wann Symptome bei PSSM-Trägern auftauchen kann niemand sagen. Wie schlimm die Symptome werden kann ebenfalls nicht im Vorfeld gesagt werden. Auf jeden Fall sollte eine Kaufentscheidung mit dem Tierarzt seines Vertrauen genauestens durchgesprochen werden.